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Weg aus der Krise Artikel zum Thema Coaching

Artikel

Coaching – Weg aus der Krise?

Ralf Heß 22.10.2013
Das gestiegene Arbeitspensum in den Unternehmen eröffnet neue
Märkte für findige Vertreter einer zwielichtigen Branche
Wollen sie lernen, wie sie ihren Kunden noch mehr verkaufen können? Aber vielleicht interessiert Sie ja auch, wie sie bei Verhandlungen jeden Gesprächspartner über den Tisch ziehen können? Oder Frauen verführen? Dinge die sich (vielleicht) jeder wünscht. Wahr werden können sie – durch ein effektives Coaching. So zumindest versprechen es unzählige Webseiten irgendwelcher NLP[1]-Coaches. Man könne – um es auf den Punkt zu bringen – die Umwelt im eigenen Sinne manipulieren.
In den vergangenen Jahren ist die Nachfrage nach professioneller Hilfe bei privaten oder beruflichen Krisensituationen exorbitant in die Höhe gegangen[2]. Etwa 35.000 Coaches tummeln sich derzeit in Deutschland. Fachleute schätzen, dass nur etwa 5.000 davon seriös arbeiten. Eine durchschnittliche Stunde kostet derzeit etwa 150 Euro.
Es werden aber durchaus auch Stundensätze von über 1.500 Euro veranschlagt. Insbesondere bei beruflichen Schwierigkeiten scheinen die professionellen Helfer gern in Anspruch genommene Hilfe für Führungskräfte und Personaler zu bieten. 88 Prozent der Personaler schätzen, dass Coaching in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen wird.
Derzeit würden etwa 10 Prozent des jährlichen Personal-Budgets der Unternehmen für Mitarbeitercoaching ausgegeben. Vivi Dimitriadou, Vorstandsvorsitzende des Deutschen Verbandes für Coaching und Training e.V. (dvct[3]), sagt gegenüber Telepolis:
Die gestiegene Nachfrage hängt aus meiner Sicht mit der größeren Offenheit zusammen, mithilfe eines Coachings den komplexen Anforderungen in der Arbeitswelt zu begegnen. Auch wird Coaching als Personalentwicklungsinstrument zur gezielten Mitarbeiterförderung stärker von der Personalabteilung aktiv angeboten.
Gestiegene Anforderungen an die Mitarbeiter
Coaching scheint zunehmend die Funktion einer professionellen „Psychohygiene“ in den Unternehmen zu erfüllen. Denn die in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegenen Anforderungen an die Mitarbeiter fordern immer häufiger ihren Tribut. Während sich die Unternehmen vordergründig zu regelrechten Paradiesen entwickeln, brechen hinter den Werkstoren die Mitarbeiter unter diesen paradiesischen Zuständen zusammen.
Heute gibt es keine Stechuhr mehr. Der moderne Mitarbeiter kann sich Arbeitsort und – zeit selbst auswählen. Selbst die Hierarchien, in früheren Zeiten der manifestierte Ausdruck von Besitz und Macht, wurden in den vergangenen Jahren immer weiter abgeflacht. Der moderne Mitarbeiter ist zum freien Individuum und Herrscher über sich selbst geworden.
Damit wurde er auch immer stärker selbst verantwortlich für den Erfolg seiner Arbeit. Berufliche E-Mails um Mitternacht sind keine Seltenheit. Auch im Urlaub muss der Mitarbeiter seinem Unternehmen zur Verfügung stehen. Freiheit in Westentaschenformat nennt[4] dies der Karrierecoach Martin Wehrle in einem Seitenhieb auf das moderne Smartphone. Denn hinter der Verheißung, man könne seine Arbeit frei einteilen, stünde „Mach bloß nicht Feierabend, bevor alles fertig ist“. Und das Versprechen, man könne in diesem Unternehmen alles erreichen, heiße im Umkehrschluss:
» Wenn du auf der Strecke bleibst, liegt es nur an dir! «
Der Coach schließt die Lücke, die die Arbeit reißt
Für viele Coache sind solchermaßen überforderte Mitarbeiter ein lukrativer Markt. Zunehmend steigen aber auch die Beschwerden über die Coaches. Christoph Rauen, Vorsitzender des Deutschen Bundesverbands Coaching, gab in der „Zeit“[5], Einblick in eine eigenartige Berufswelt.
So habe beispielsweise die Qualitätsbeauftragte eines Medizintechnik-Unternehmens ein 5.000 Euro teures Coaching gebucht, um ihrer Probleme mit einer jüngeren Vorgesetzten Herr zu werden. Während der Sitzungen wurde sie von ihrem Coach mit Mutmaßungen über ihre möglicherweise vorhandene „spröde Jungfräulichkeit“ oder einer in ihr schlummernden „Sexbestie“ konfrontiert. Dimitriadou sagt:
Ein wesentliches Auswahlkriterium bei der Coachsuche ist aus meiner Sicht die Qualifikation des Coachs, das heißt, dass er neben einer fundierten Coachingausbildung auch über Lebens- (Berufserfahrung) und Coachingerfahrung verfügt.
Darüber hinaus könne auch eine Verbandsmitgliedschaft Orientierung bieten. Doch in Deutschland gibt es derzeit 26 Coaching-Verbände und über 300 Ausbilder für die angehenden Coaches. Angeboten wird dabei jedes nur erdenkliche Zertifikat.
Das Qualitätsproblem der Coaches
Stefan Kühl, Professor für Soziologie an der Helmut-Schmidt-Universität – Universität der Bundeswehr in Hamburg, hat im November 2005 eine Studie[6] mit dem Titel: „Das Scharlartanerieproblem, Coaching zwischen Qualitätsproblemen und Professionalisierungsbemühung“ herausgegeben. Darin stellt er 90 Thesen zur Entwicklung des Coachings auf. In der Einleitung schreibt er: „Diese Thesen mögen für Praktiker manchmal ketzerisch erscheinen. Dies ergibt sich fast zwangsläufig aus der soziologischen Perspektive. Der Anspruch der Wissenschaft ist es nicht, eine ‚bessere Praxis‘ liefern zu wollen. Vielmehr geht es darum, die Praxis durch eine andere Perspektive zu irritieren.“
In seiner 61. These schreibt er: „Wegen den fehlenden Qualitätsstandards werden ‚Qualitätssurrogate‘ wichtig: graue Haare, Falten, seriöse Kleidung, akademische Titel und Präsenz in der Fachöffentlichkeit“.
Aufgrund der mangelnden Professionalisierung bekommen diese „Qualitätssurrogate“ größere Bedeutung, weil die Zugehörigkeit zur Profession die Qualitätsvermutung beim Klienten offensichtlich nicht auslösen kann.
Was nicht passt, wird passend gemacht
Das durch die Globalisierung aufgestoßene Tor in eine Welt des freien Waren- und Kapitalverkehrs erzeugt auf der anderen Seite in den Unternehmen eine Situation, in der sich die Mitarbeiter nicht mehr in ihrem vordem geschützten sicheren Bereich einer Festanstellung befinden. Vielmehr müssen auch sie sich dem Weltmarkt stellen.
Der tagtägliche Konkurrenzkampf wird nicht mehr nur zwischen den Unternehmen geführt. Auch der einzelne Mitarbeiter sieht sich eingeteilt in Gewinner und Verlierer. Für immer mehr Mitarbeiter wird dieser Kampf um die guten Plätze an den Töpfen zum Dauerstress. Ihre Personaler und sie selbst versuchen daher immer häufiger, mitprofessioneller Hilfe den täglichen Problemen Herr zu werden.
„Was nicht passt, wird passend gemacht“, könnte daher die grundlegende These der Personalentwicklung lauten. Coaching, sagt Dimitriadou dagegen, sei alles andere als dies. „Professionelles Coaching setzt ganz auf die Entwicklung individueller Lösungskompetenz beim Klienten.“
Freilich hat auch der Mitarbeiter ein Interesse daran, seine individuellen Lösungskompetenzen zu verbessern. Die Frage allerdings, ob die Aufgabenbereiche und Ansprüche, mit der Mitarbeiter täglich konfrontiert werden, in den vergangenen Jahren nicht immer weiter vergrößert wurden, ist damit noch nicht geklärt. Und ob eine solchermaßen angebotene Unterstützung tatsächlich Hilfe bietet, erst recht nicht.
Denn wenn davon ausgegangen wird, dass von den 35.000 Coaches nur etwa 5.000 seriös arbeiten, verdienen die restlichen 30.000 Coaches wohl zwangsläufig ihr Geld damit, dass sie den über alle Maßen beanspruchten Mitarbeitern eine fadenscheinige Hilfe in ihrem Überlebenskampf in den Unternehmen anbieten. Die grundlegende These einiger Coachinganbieter könnte daher lauten:
» Wer bereits am Boden liegt, ist immer auch eine leichte Beute. «

 

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